Irgendwas, das bleibt

Irgendwas, das bleibt

Warum lassen sich eigentlich immer mehr Menschen tätowieren? Die Stechereien stehen heutzutage im Gegensatz zu früher für Regelmäßigkeit und paradoxerweise Beständigkeit.

Die Zeiten, in denen tätowierte Menschen entweder Rocker, Seemänner oder „Knackis“ waren, sind vorbei. Quer durch die Milieus und Bildungsstände nutzen Menschen immer häufiger ihre Haut für persönliche „Außenwerbung“. Bunter, ausgefallener und größer werdend zieren Rosen, Totenschädel, Kinder- und Familienbilder sowie das immer noch beliebte „Arschgeweih“ die äußere Hülle. Nicht selten ist auch bei kräftig-muskulösen Männern an prominenter Stelle ein dickes „Mama“ eingraviert.

Aus welchem Grunde lassen sich zunehmend mehr Menschen freiwillig tätowieren?

Weshalb möchten viele ihre Haut und deren Bilder auch ungeniert zu Markte tragen? Tätowierungen waren einmal Zeichen für Rebellion und Anderssein. Mit ihnen sollte bewusst gegen Normen und Regeln demonstriert werden. Man wollte quasi werben für ein alternatives Leben in einer Zeit, in der jeder Tag dem gleichen Rhythmus folgte und mittags gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Hingegen hat der Alltag heute für viele Menschen kaum noch Regelmäßigkeiten.

Sonntags wird gearbeitet, im Urlaub E-Mails gecheckt und mittags wird gefrühstückt. Beziehungen und Familien haben eine viel geringere Halbwertszeit. Und mehr als jede dritte Ehe wird geschieden. Was früher Freiheit bedeutete, ist jetzt ein Mangel an Sicherheit, Konstanz und Beständigkeit.

Auch die Sehnsucht nach der großen immerwährenden Liebe wächst. Und junge Menschen suchen inzwischen wieder Jobs mit geregelten Arbeitszeiten und Feierabend um 17.00 Uhr. Immer noch werben Tattoos für ein alternatives Leben. Nur sieht das heute bezogen auf den eigenen Alltag ganz anders aus. Es ist ein sicheres, konstanteres Leben, bei dem man sich auf etwas verlassen kann. Tattoos greifen diese Suche nach der Beständigkeit auf. Entsprechend sind sie auch seltener jugendlicher Leichtsinn, sondern werden oft im fortgeschrittenen Alter nach reiflicher Überlegung gestochen.

Die Motive zeigen kaum noch Namen von verflossenen Jugendsünden.

Ausgewählt wird eher, was die Menschen wirklich ‚unvergänglich‘ berührt und ihnen unter die Haut geht. Liebhaber und Geliebte sind das kaum, denn die können sich ändern. Stattdessen sieht man Bilder der eigenen Kinder, des verstorbenen Bruders oder eben schlicht den Schriftzug Mama! Allgemeinere Motive wie Rosen, Sterne oder Geburtsdaten symbolisieren persönliche Werte, die man in seinem Leben für „unvergänglich“ hält.

Ein Tattoo ist dann letztlich selbst auch beständig und unvergänglich und gibt den Menschen wie in dem Song der Band Juli beschrieben zumindest „irgendwas, das bleibt“. Die Autorin ist eine von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

von Ines Imdahl

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben. Wir von DocTattooentfernung haben mit großer Freude ihren Artikel im „Der Werber Rat“ der Handelsblatt-Kolumne gelesen und freuen uns nach Rücksprache mit Frau Imdahl diesen in unseren Blog aufnehmen zu dürfen. Auch wenn der Ausdruck der Beständigkeit eines Tattoos durch die Tattooentfernung beeinträchtigt wird, so denken wir, dass dieser Artikel sehr gut beschreibt, warum sich immer mehr Menschen zum Tätowierer begeben und sich viele von ihnen vorab mehr Gedanken über unvergängliche und beständige Hautverzierungen machen.   

Ines Imdahl 25.09.2012, 06:18 Uhr im Handelsblatt – Der Werber Rat

Quelle: Handelsblatt http://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/werber-rat/der-werber-rat-i…

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